Ein Bericht von Oksana Talipova

Eine Reise beginnt: Von Fergana nach Deutschland

Wenn man eine Reise antritt, weiß man oft nicht, wie sehr sie einen verändern wird. Mein Name ist Oksana Talipova, ich komme aus der Stadt Fergana im Osten Usbekistans – einer Region, die 434 Kilometer von der Hauptstadt Taschkent entfernt liegt. Dort unterrichte ich Deutsch als Fremdsprache am akademischen Lyzeum der staatlichen Universität Fergana.

Als DSD-Schule bietet unser Lyzeum den Lernenden die Möglichkeit, das DSD I oder DSD II abzulegen – für einige Schüler ein entscheidender Schritt für ihr späteres Studium oder ihre Ausbildung. Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer an solchen Schulen haben wiederum die Gelegenheit, an einem pädagogischen Austauschprogramm teilzunehmen. Dieses Jahr fasste ich Mut und bewarb mich. Zu meiner Freude erhielt ich die Zusage.

Mit dieser Zusage kamen auch Sorgen: Wie würde mich die Gastfamilie empfangen? Wie würde mein Platz im Gymnasium aussehen? Doch schon bald stellte sich heraus – alle Befürchtungen waren überflüssig.

Erste Eindrücke und Begegnungen im neuen Umfeld

Bereits bei meiner Ankunft wurde mir klar: Ich war willkommen. Meine Gastfamilie – Carsten und Barbara – begegnete mir mit Wärme, Geduld und großer Offenheit. Sie erklärten mir alles, zeigten mir die Umgebung und standen mir jederzeit zur Seite.

Auch der Weg zur Schule war anfangs eine Herausforderung: alleine fahren, umsteigen, sich im neuen Land zurechtfinden. Doch genau diese täglichen Wege wurden zu einem besonderen Erlebnis. Man sieht Häuser, Wälder, Menschen – jeden Tag ein neues kleines Bild aus dem deutschen Alltag. Und ich war dankbar dafür, dass ich diesen Schritt zur Selbstständigkeit selbst gehen durfte.

Lernen, Beobachten, Mitgestalten: Mein Alltag im Gymnasium

Im Gymnasium wurde ich ebenso herzlich empfangen. Die Lehrkräfte nahmen sich Zeit für mich, erklärten ihre Unterrichtsinhalte, Aufgabenstellungen und Methoden. Ich besuchte Deutsch-, Französisch-, Englisch-, Geschichts- und Musikunterricht – und jeder einzelne bereicherte meinen eigenen pädagogischen Blick.

Während meiner Hospitation im Deutschunterricht konnte ich viele nützliche und neue Eindrücke sammeln. Besonders spannend waren die Unterrichtsstunden, in denen die Schülerinnen und Schüler das Debattieren erlernten – von der richtigen Formulierung der eigenen Position bis hin zum souveränen Vertreten der Argumente in einer Debatte. Diese Fähigkeiten halte ich für ausgesprochen wichtig, da junge Menschen früh lernen sollten, ihrem Gegenüber respektvoll zuzuhören und gleichzeitig überzeugend aufzutreten. Für mich waren diese Stunden besonders wertvoll, da auch die Schülerinnen und Schüler unseres Lyzeums am Projekt «Jugend debattiert» teilnehmen.

Sehr hilfreich waren für mich ebenso die Unterrichtseinheiten zur Vorbereitung auf den Vorlesewettbewerb. Ich plane, einen ähnlichen Wettbewerb auch an meiner eigenen Schule zu organisieren, um das Interesse am Lesen weiter zu fördern. Durch die zunehmende Digitalisierung greifen viele Jugendliche verstärkt zu E‑Books oder lesen Texte nur in Auszügen. Daher halte ich es für besonders bedeutsam, die Schülerinnen und Schüler zum Lesen gedruckter Bücher zu motivieren.

Besonders beeindruckte mich auch der Musikunterricht: Die musikalischen Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler ließen weit mehr als schulisches Engagement erkennen.

Ein außergewöhnliches Erlebnis war der Unterricht mit Hund Loki. Während einer Stunde praktischer Philosophie durften die Schülerinnen und Schüler den Hund beobachten, streicheln und sogar in der Pause füttern. Eine wunderbare Umsetzung der Idee, Tierliebe und Verantwortung schon in der Schule zu fördern.

Am Nachmittag öffneten sich die Türen der AGs: Musik, Kochen, Theater – überall herrschte Begeisterung. Die Theater-AG führte Shakespeares „Was ihr wollt“ auf, und die Vorstellung war so professionell, dass man zeitweise vergaß, dass auf der Bühne Schülerinnen und Schüler standen. Die Rollen waren perfekt verteilt, die Darbietung lebendig und kunstvoll.

Die Koch-AG, die ich besuchen durfte, überraschte mich ebenfalls: Dort nehmen auch Jungen teil – und das mit so viel Begeisterung, dass ich nur lächeln konnte, als ich sah, wie geschickt sie mit dem Messer und den Küchenutensilien umgehen. In meinem Heimatland sieht man nur selten Männer in der Küche; es gilt als traditionell, dass die Küche der Platz der Frau ist. So sind nun einmal die Bräuche.

Kultur, Städte und Geschmackserlebnisse

Nach dem Unterricht nutzte ich jede Gelegenheit, um Bonn zu entdecken – die Stadt Beethovens. Historische Straßen, das Beethoven-Denkmal, sein Wohnhaus, das Rathaus und natürlich die Weihnachtsmärkte, die zu dieser Zeit bereits in vollem Gange waren, begeisterten mich mit ihrer festlichen Atmosphäre. Überall duftete es nach traditionellen deutschen Gerichten – von Bratwürsten und gebrannten Mandeln bis hin zu duftendem Glühwein. An den liebevoll dekorierten Ständen konnte man unzählige Handwerkswaren, Weihnachtsschmuck und allerlei Kleinigkeiten entdecken, die die besondere Magie der Adventszeit widerspiegeln. Die Stimmung war so warm und einladend, dass man sich sofort von der weihnachtlichen Freude anstecken ließ.

Natürlich gehörte auch die deutsche Küche zu meinem Erlebnis. Verschiedene Käsesorten, Bratwurst, Currywurst, Lebkuchen, Spekulatius, Pfannkuchen mit Äpfeln und Knödel– ein wahres Fest der Geschmäcker. Als jemand, der gern kocht, interessierte mich vor allem, wie die Gerichte zubereitet werden. Manche Rezepte habe ich mir sogar notiert. Gerade durch das Essen spürt man, wie unterschiedlich Kulturen sind – und wie spannend diese Vielfalt sein kann.

Ein Wochenendbesuch führte mich nach Köln, wo der gewaltige Kölner Dom und historische Stadt mich tief beeindruckten.

Eindrücke fürs Leben

Mein Aufenthalt wäre ohne die Menschen, die mich unterstützten, nicht derselbe gewesen. Ich danke allen Lehrkräften des Hardtberg-Gymnasiums, die mich in ihren Unterricht aufnahmen, der Schulleitung für die Möglichkeit, Teil des Schullebens zu sein, Grazyna Bosy für ihre ständige organisatorische Unterstützung und ganz besonders meiner Gastfamilie, die mir drei Wochen lang ein Zuhause gab.

Jeder Tag in dieser Stadt, jede Unterrichtsstunde, jede Begegnung – all das hat einen bleibenden Eindruck in meinem Herzen hinterlassen.

Das Kennenlernen der Kultur eines Landes, dessen Sprache man nicht nur selbst lernt, sondern auch unterrichtet, verändert die Sicht auf die Welt. Es erweitert den Horizont und macht den inneren Raum des Menschen heller und reicher.